„Man muss die Probleme endlich benennen.“
Gewalt an Schulen war das Thema des zweiten Talk im MM

- Beängstigend die die sinkende Altersgrenze bei Gewaltvorfällen, sogar Grundschulen haben damit zu kämpfen.
Rund eine Woche bevor die gesamte deutschsprachige Presse sich – ausgelöst durch einen Brief des Kollegiums der Rütlischule an die Schulaufsichtsbehörde – ausführlich mit der Problematik der Gewalt an Schulen beschäftigte, war genau dieses brisante Thema Diskussionsgrundlage für den Talk im MM am 21. März:
Mobbing, Erpressung sogar Körperverletzung sind Vorfälle, die heute nicht nur zur Erwachsenenwelt gehören, sondern selbst schon in Grundschulen stattfinden. Dabei sollte man doch annehmen, dass sich Lehrer, Eltern und Kinder eine sichere Umgebung wünschen. Doch die Schulleitungen einiger Grundschulen im Kiez sprechen die Problematik direkt an: Das Einstiegsalter für Gewaltbereitschaft sinkt. Eine dramatische Entwicklung. Zwar war die Schule bestimmt zu keiner Zeit ein Hort der absoluten Gewaltfreiheit, doch was sich heute auf Schulhöfen und zum Teil auch in Klassenräumen abspielt, hat nichts mehr mit kleinen Rangeleien zu tun. Herr Rhode, der Präventionsbeauftragte des Polizeiabschnitts 54 an der Sonnenallee, beklagte, dass die Polizei auch oft zu spät eingeschaltet würde. Meistens seien die Täter schon mehrmals auffällig geworden. Eine verstärkte Zusammenarbeit mit der Polizei habe nicht zwangsläufig zur Folge, dass die auffälligen Kinder eine Anzeige bekämen. Oftmals reiche es aus, ihnen klarzumachen, wohin sie der Weg früher oder später führe, den sie durch Schlagen, Mobben oder Erpressen eingeschlagen hätten. Man muss diesen Kindern frühzeitig ihre Grenzen und mögliche Konsequenzen ihres Verhaltens aufzeigen.
Intensiv wurde auch diskutiert, woher diese Aggressionen, die einige Kinder ausleben, kommen könnten: Zerrüttete Familien, enge Wohnverhältnisse, bildungsferne Eltern und natürlich die Akzeptanz von Gewalt in der Öffentlichkeit. Im Fernsehprogramm finden sich täglich etliche Sendungen, die Gewalt als mögliche Konfliktlösung zeigen – und dies nicht nur nach 22 Uhr. Und auch im alltäglichen Straßenbild erleben wir alle oft genug, dass Menschen einfach wegschauen anstatt einzugreifen oder Hilfe zu holen. Eigentlich beginnt es sogar schon beim Weghören: Kinder beschimpfen sich gegenseitig mit Ausdrücken, die Sie und ich mit Sicherheit nicht einmal als Erwachsenen in den Mund zu nehmen wagen. Aber kaum einer sagt etwas, schreitet ein, wenn die sogenannte kleine, die verbale Gewalt vor unseren Augen und Ohren passiert. Dabei liegt hier der Grundstein für die große Gewalt, denn erst wenn man ein Opfer verbal herabgewürdigt hat, fällt es leichter zuzuschlagen. Ein weiterer Grund für das offene Ausleben der Gewalt in der Öffentlichkeit sind fehlende Freizeiteinrichtungen für Kinder und Jugendliche. Sie langweilen sich, hängen auf den Straßen herum und leben das Gefühl aus, in der Gruppe stark zu sein. Sie traktieren diejenigen, die ihnen schwach erscheinen, ihre Opfer sind neben Gleichaltrigen auch ältere Menschen und Kinder. Ein Vater bemerkte, dass derjenige, der an Freizeiteinrichtungen spare, später auf jeden Fall drauf zahle.
Als weitere Lösungsvorschläge und Strategien wurden Streitschlichterprogramme und der Einsatz von Sozialpädagogen an Schulen genannt. Doch wird dies ausreichen? Eine Diskussionsteilnehmerin sieht eine große Chance in der verlässlichen Ganztagsschule, in der Kinder dann ihren Lebensmittelpunkt sehen und in den sie gezielter miteinbezogen werden können. Denn schließlich kann auch das Lernen nur dann funktionieren, wenn die Bedingungen dafür stimmen. Und für Schulen in Neukölln und anderen Bezirken mit einem erhöhten Anteil an Migranten müssten mehr Lehrer mit Migrationshintergrund eingestellt werden. Die Realität an den meisten Schulen ist jedoch folgende: Oft ist das Kollegium überaltert und es gibt fast ausschließlich deutsche Lehrer. An einigen Schulen im Reuterkiez gibt es immerhin schon Modellprojekte, die aus Geldern aus dem Programm „Soziale Stadt“ finanziert werden. Diese seien jedoch „lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein“, so Luzia Weber vom Quartiersmanagement.
Letztendlich lässt sich die Problematik sowieso nur mit Hilfe der Eltern wieder in Griff bekommen, denn ohne die Eltern „stehen wir auf verlorenem Posten“. Doch immer mehr Eltern geben den Erziehungsauftrag ganz offensichtlich an die Schulen ab. Dabei sollte Erziehung doch gerade im Elternhaus stattfinden. Im Augenblick sieht die Situation allerdings eher so aus, dass die Schulen neben ihrem Bildungsauftrag auch noch den hauptsächlichen Teil der Erziehung einzelner Kinder zu tragen haben. Keine Frage, dass die Schule auch soziale Kompetenzen vermitteln sollte, doch kann sie nicht den gesamten Grundstock für das friedliche Miteinanderleben legen, dafür müssen nach wie vor die Eltern sorgen.
Doch letztendlich sind wir alle in der Verantwortung: Lehrer, Eltern, Schüler und Menschen wie Du und ich. Nicht mehr länger wegschauen und weghören!





