Waldpatenschaft
„Waren die Wege schon bevor es Menschen gab hier im Wald?“
„Was für Tiere gibt’s hier? Gibt’s Wölfe ?“
„Wächst aus dem hier ein Baum, wenn ich ihn in die Erde stecke?“ ( Anm.: ein kleines, nadelreiches Stück Kiefernzweig )
Fragen neugieriger Dritt- und Viertklässler aus dem Bezirk Neukölln, Reuterkiez. Diese Kinder sind äußerst seltene Besucher des Waldes: für die meisten von ihnen, ca. 60 – 80 %, war es das erste Walderlebnis in ihrem Leben. Entsprechend ausgelassen und erwartungsvoll ist die Stimmung.
Die Schüler sind Teilnehmer eines außergewöhnlichen Pilotprojektes des Bildungsverbundes Neukölln, das im Februar dieses Jahres angelaufen ist und den Namen „Schule im Wald“ trägt. Die Dipl. Sozialpädagogin und Naturpädagogin Kerstin Kühn, Mitglied des Neuköllner Vereins Umwelt- und Sozialforum e.V. (USF eV., Träger des Projektes ), hat das naturerlebnispädagogische Kooperationsprojekt konzipiert und ins Leben gerufen: drei rund um den Reuterkiez ansässige Grundschulen haben eine Patenschaft mit dem Revierförster des Köpenicker Forstrevieres Grünau, Herrn Reischmann, begründet. Als erstes Patenförsterprojekt Berlins ist es von den Berliner Forsten wohlwollend unterstützt und genehmigt worden. Laut Kooperationsvertrag wird in der Pilotphase pro Schule zunächst eine Klasse den Wald besuchen - über ein Jahr und jeweils einmal im Monat. Eine weitere Klasse pro Schule wird im Sommer an einem dreitägigen Waldprojekt teilnehmen. Begleitet und angeleitet werden die naturerlebnispädagogischen Veranstaltungen von den Pädagoginnen des USF eV..
Der erste Walderlebnistag steht ganz im Zeichen der Patenschaftsbegründung. Förster Reischmann hat sich Zeit genommen und empfängt die Schüler auf seiner Revierförsterei. Er stellt den Kindern seine Arbeit und die Försterei selbst auf spielerisch-praktische Weise vor:
die Schüler lernen den Obstgarten kennen, helfen bei der Gehölzschnittentfernung und leeren die Nistkästen der Vögel für das kommende Frühjahr. Die Nester dürfen sie natürlich mitnehmen, ebenso einen großen Strauß bald blühender Obstzweige, den sie selbstverständlich selber mit der Rosenschere schneiden dürfen. Zwei weitere Höhepunkte sind die Rückepferde Domm und Dock, die extra für die drei Tage vom Stämmerücken freibekommen haben und sich von den begeisterten Kindern gerne kraulen lassen, ohne sich an dem lauten Geräuschpegel sonderlich zu stören.
Das Schönste: die Heuschlacht auf dem Heuboden.
Die abschließende Frage vieler Kinder nach diesem ersten Waldtag ist vorherzusehen: „ Wann kommen wir wieder her? Morgen? Warum erst wieder nächsten Monat?“
Förster Reischmann wird pro Klasse noch zwei weitere Veranstaltungen mit den Schwerpunkten Artenvielfalt und Baumpflanzung sowie Holznutzung ( Baumfällung) leiten, so daß die Schüler einen Eindruck vom Tätigkeitsspektrum des Försterberufes erhalten.
Alle weiteren Veranstaltungen, angeleitet von Frau Grosset ( Dipl.Heilpädagogin und Theaterpädagogin) und Frau Kühn, werden eine Kombination aus erlebnis- und naturpädagogisch geprägten Waldtagen sein. Die Natur als ein neutraler, von dieser Zielgruppe bisher kaum genutzter Ort bietet für die gesteckten Ziele ideale Chancen.
Die Veranstaltungen haben einerseits die Förderung von Sozialkompetenzen der Schüler über verschiedenste erlebnispädagogische Interaktions- und Kooperationsspiele im Wald zum Ziel ( und leisten damit einen Beitrag zur verbesserten Integration der Schüler, von denen über 80% einen Migrationshintergrund haben ), und als zweiten Schwerpunkt die Umweltbildung. Über zahlreiche naturpädagogische Methoden wie Forschen, Entdecken, Sinnes-, Aktions- und Wahrnehmungsspiele sowie kreative Elemente wird die Beziehung der Kinder zur Umwelt gestärkt und vertieft.
Die kontinuierliche naturerlebnispädagogische Arbeit mit den beteiligten Klassen sowie die Einbindung des Försters gewähren die Nachhaltigkeit des Kooperationsprojektes in Hinblick auf seine sozialen, ökologischen und ökonomischen Zielstellungen. Sofern es sich im Jahr 2008 bewährt – soll das Patenförsterprojekt als feste Einrichtung in den neuköllner Grundschulen etabliert werden.
Um dem Konzept des Bildungsverbundes Neukölln gerecht zu werden, bindet das Projekt die beteiligten Lehrer mit ein, indem sie während der Veranstaltungen hospitieren, bzw. sich bei Bedarf auch an den Aktionen beteiligen. Vorab werden sie über die geplanten Veranstaltungen informiert und erhalten Materialien bzw. Scripte des Umwelt- und Sozialforum e.V., um auch selbständig mit ihren Schülern im Wald weiterarbeiten zu können. Eltern werden als Begleitpersonen der Klassen miteingebunden. Es wird einen Austausch der beteiligten Schulen über den Projektverlauf geben, und auf dem Kiezschulenfest im Juli wird das Pilotprojekt mit einem gemeinsamen Informationsstand der Schulen vertreten sein.
Das Patenförsterprojekt „Schule im Wald“ wird zu 50% aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung sowie aus Landes- und Bundesmitteln über den Quartierfonds 3 des Reuterkiez gefördert.






